Kahlschlag in Heidelberg befürchtet: Aktionsbündnis möchte Baumfällung verhindern

Mannheimer Morgen Plus-Artikel-Natur vom 4. August 2021

Heidelberg. Die Bilder der Flutkatastrophe aus dem Ahrtal haben sich eingebrannt. Wäre ein ähnliches Szenario auch im Mühltal im Heidelberger Stadtteil Handschuhsheim vorstellbar – wenn, wie geplant, im großen Stil Bäume gefällt werden? „Die Durchforstungsmaßnahmen werden das gesamte Ökosystem destabilisieren“, davon ist Diplomforstwirt Volker Ziesling überzeugt. Mit der Initiative „Waldwende Heidelberg – Rettet das Mühltal“ möchte er den politischen Dialog suchen und ein Umdenken unterstützen: Der Wald, sagt Ziesling, hat viel wichtigere Funktionen als nur die Holzproduktion – und der Wert des Ökosystems steige vor dem Hintergrund der Klimakrise weiter stark.

Im Oktober sollen die Baumfällarbeiten im Mühltal beginnen. Die roten Markierungen an den Bäumen weisen darauf hin. © PHILIPP ROTHE
  • „Waldwende Heidelberg – Rettet das Mühltal“ heißt eine Initiative, die sich im vergangenen Jahr gegründet hat.
  • Die rund 15 aktiven Mitglieder und ein größerer Kreis von Unterstützern möchten sich für ein Umdenken in Sachen Forst einsetzen: Der Wald hat aus ihrer Sicht viele wichtigere Funktionen als nur die Holzwirtschaft.
  • Am Sonntag, 12. September, lädt die Initiative um 14 Uhr zu einem Waldtreffen ins Mühltal im Stadtteil Handschuhsheim. Treffpunkt ist der Turnerbrunnen.

Die Stämme im Mühltal sind mit roter Farbe markiert: Eigentlich sollten sie schon im Frühjahr gefällt werden. Wegen der Proteste von Naturschutzverbänden und Bürgern verschob die Stadt die Aktion in den Herbst und rückte nur einigen Gehölzen mit der Motorsäge zu Leibe, die die Sicherheit der vielen Besucher – darunter jeden Tag Kindergruppen – gefährden könnten. „Da sind schon viel mehr Bäume rausgenommen worden als wirklich nötig gewesen wäre“, urteilt Ziesling. Die Initiative spricht von rund 1000 Bäumen, die insgesamt im Mühltal gefällt werden sollen. Die kommunale Forstbehörde bestätigt das nicht: „Eine genaue Zählung wurde noch nie vorgenommen“, erklärt Sprecherin Christiane Calis.

Im vierten Quartal soll mit der Fällung begonnen werden – voraussichtlich Ende Oktober. Verfolgt würden mehrere Ziele: An den offenen Wiesenflächen und Feuchtbiotopen gehe es um die Pflege und die Sicherung der Lebensräume seltener Tier- und Pflanzenarten. Die Biotope bräuchten aus Naturschutzsicht mehr Sonneneinstrahlung. In anderen Bereichen solle der Bestand stabilisiert und eine größere Mischung der Baumarten erhalten werden. „Das Ziel ist die langfristige Entwicklung der zwischen 60- und 100-jährigen Waldbestände hin zu einem klimastabilen Mischwald“, fasst Sprecherin Calis zusammen.

Holz ist als Rohstoff begehrt und derzeit rar. Die Bäume im Mühltal schätzt Ziesling aber eher als von minderer Qualität ein. Sie seien nicht als Bau- oder Möbelholz geeignet. Nach Recherchen des Aktionsbündnisses sei dieses Heidelberger Material zuletzt vor allem als Brennholz verkauft worden. Beim Verfeuern entstehe Kohlendioxid – das schade dem Klima. Und gleichzeitig wird der Wald mit seiner wichtigen Klimaschutzfunktion stellenweise zerstört? Das findet nicht nur der Forstwirt absurd.

Wie kann der Wald im Mühltal langfristig geschützt werden? Diese Frage steht auch über dem „Waldtreffen“, zu dem die Initiative „Waldwende“ am Sonntag, 12. September, einlädt. 80 Teilnehmer kamen zur ersten Veranstaltung der Initiative am 24. Juli – viel mehr als sonst bei ähnlichen Veranstaltungen, liest Ziesling daraus, dass das Mühltal den Heidelbergern sehr am Herzen liegt. Zumal in der Pandemie mehr Menschen den Wald als Erholungsgebiet (wieder-) entdeckt haben.

„Die markierten Buchen sind überwiegend überlebensfähig“, hat sich Ziesling ein Bild vom Gesundheitszustand gemacht. Dass entlang der Wege – mit Blick auf die Spaziergänger und Kinder – eher ein Baum zuviel entfernt wird als unbedingt nötig, kann der Sprecher der „Waldwende“ noch nachvollziehen. Aber abseits der Wege sei das nicht so rigoros notwendig.

Eine Verkehrssicherungspflicht habe die Stadt im Wald ohnehin nicht, zitiert er ein BGH-Urteil. Wer in den Wald geht, müsse demnach mit „waldtypischen Gefahren“ rechnen.

Stadt informiert Multiplikatoren

Die Stadt lädt am Donnerstag, 16. September, zu einer Informationsveranstaltung ins Mühltal ein. Klimabürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain und Forstamtsleiter Ernst Baader möchten Multiplikatoren – etwa von lokalen Umweltgruppen, der Jägervereinigung und der Bürgerinitiative „Rettet das Mühltal“ – einladen.

Je nach Pandemiegeschehen könnten das bis zu 40 Personen sein. Im Anschluss, ab 17 Uhr, stehen die städtischen Forstexperten an der Wegkreuzung Talweg (Winterseite/Schmalzwasenteichweg) allen Interessierten für Fragen zur Verfügung.

Michaela Roßner (miro), Redaktion Redakteurin Metropolregion/Heidelberg

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