Waldwende Heidelberg

Greta Thunberg – Das Klimabuch

Wie können Wälder uns helfen? von Karl-Heinz Erb und Simone Gingrich

Auszug aus dem neuen Buch von Greta Thunberg – Das Klimabuch – S.Fischer Verlag 2022
Kapitel 4.7, Seite 252ff:

Wälder können eine wichtige Rolle im Klimaschutz spielen. Sie speichern Kohlenstoff, und zwar etwa doppelt so viel wie die Atmosphäre, und das von ihnen gelieferte Holz kann treibhausgasintensive Produkte und Dienstleistungen ersetzen.

Der Kohlenstoffbestand in Wäldern erholt sich … nicht wegen, sondern trotz des verstärkten Holzeinschlags. Regelmäßiger Holzeinschlag entzieht den Wäldern in jedem Fall kontinuierlich Kohlenstoff, in Form von Holz und auch durch Ausgasungen aus dem Boden, er führt also zu Emissionen. Nach Schätzungen sind Holzerzeugnisse im weltweiten Maßstab für Landnutzungsemissionen von 2,4 Gigatonnen CO2-Äquivalent pro Jahr verantwortlich. Tatsächlich ist der Kohlenstoffbestand bewirtschafteter Wälder erheblich kleiner, als er es bei unberührten Wäldern wäre – im Durchschnitt 33 Prozent in gemäßigten, 23 Prozent in borealen und etwa 30 Prozent in tropischen Gebieten. Daher ist es wichtig, nicht nur den Holzeinschlag selbst zu betrachten, sondern auch zu berücksichtigen, dass Bäume ohne Ernte im Wald noch viele Jahre stehen bleiben und sogar Kohlenstoff aufnehmen würden.

Die Auswirkungen der Holznutzung auf das Klima hängen von der durchschnittlichen Nutzungsdauer der Holzerzeugnisse ab. Die Nutzungsdauer langlebiger Holzerzeugnisse liegt in der Regel bei etwa 50 Jahren, während Bäume jahrzehnte- oder gar jahrhundertelang weiterleben und weiterhin Kohlenstoff speichern würden, wenn sie nicht gefällt würden. Die Verbrennung von Holz zur Gewinnung von Bioenergie verursacht indessen mehr Emissionen pro Energieeinheit als fossile Brennstoffe, und diese Emissionen lassen sich nur durch Wiederaufforstung ausgleichen.

Von Klimaschutz kann man also erst dann sprechen, wenn der Wald wiederaufgeforstet worden ist und die Emissionen sich um denselben Betrag reduziert haben, der gebunden geblieben wäre, wenn man die Bäume nicht gefällt hätte. In gemäßigten und borealen Zonen wird dieser »Gleichstand« erst nach Jahrzehnten oder manchmal sogar Jahrhunderten erreicht.

Aus Klimasicht sollte Holz jedoch in erster Linie für langlebige und nachhaltige Produkte verwendet werden. Der Holzverbrauch sollte auf die Mengen beschränkt werden, die in den Wäldern nachwachsen, wenn Entwaldung und Walddegradierung vermieden werden sollen. Die Erhaltung der Artenvielfalt setzt hier eine weitere Grenze.

In der EU wird gegenwärtig ein Drittel des gesamten Holzeinschlags direkt für die Energiegewinnung verwendet. Die EU-Verordnungen betrachten die Wald-Bioenergie als nachhaltig und per se »kohlenstoffneutral«, solange der Holzeinschlag unterhalb der Wiederaufforstung bleibt. Biomasse sollte jedoch nur dann als nachhaltig gelten, wenn das verbrannte Material aus Reststoffen und Abfällen der Holzverarbeitung besteht, die sich nicht anders verwenden lassen. In den industriellen Holzverarbeitungsketten sind die Reststoffe kein Abfall, sondern Rohstoffe für die Papier- und Kartonindustrie – und hier konkurriert die Bioenergie mit diesen Verwendungen.

Die Ausweitung von Waldflächen im globalen Norden birgt nur ein begrenztes Potenzial für die Bindung von Kohlenstoff, da sie angesichts der Dringlichkeit der Krise zu lange dauert und möglicherweise zu einer Konkurrenz mit anderen Formen der Landnutzung führt. Deshalb erscheint als beste Strategie, die Kohlenstoffsenke Wald durch eine Reduzierung des Holzeinschlags zu schützen oder sogar auszubauen.

Die Kohlenstoffsenken des Waldes werden irgendwann gesättigt sein – nicht so bald, aber doch in 50 bis 150 Jahren. Natürliche Störungen werden die Kohlenstoffbestände des Waldes verringern, und industrielle Monokulturen sind hier besonders anfällig. Wir brauchen deshalb eine mehrgleisige Strategie. Der Holzeinschlag sollte sich auf die Waldplantagen und Monokulturen konzentrieren. Zugleich sollten Anstrengungen unternommen werden, die Widerstandskraft der Wälder zu stärken, indem wir die Artenvielfalt erhöhen und die Bäume (oder zumindest einige von ihnen) alt werden lassen. Widerstandsfähige, artenreiche Wälder sollten sich selbst überlassen und als »Brückentechnologie« eingesetzt werden – durch ihre Senkenleistung können wir Zeit gewinnen, um andere Sektoren zu dekarbonisieren und zugleich die Biodiversität schützen.

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