Mühltal Rundbrief 1

Mühltal, Landschaftsschutzgebiet, Hainsimsen-Buchenwald

Mühltal Rundbrief 19. April 2021

  • Text des Interviews mit Diplom-Forstwirt Volker Ziesling
  • Geplante online-Veranstaltung über die Baumfällungen im Mühltal
  • Flyer des Aktionsbündnisses zum Mühltal

Abholzung im Mühltalwald bei Heidelberg – Text des Videos

Was wir hier in dem Waldbestand sehen, sind sehr viele markierte Bäume , vor allem die Buche , das heißt , wir schaffen hier völlig andere Lichtverhältnisse, wir schaffen hier ein völlig verändertes hydrologisches System und bringen diesen Waldbestand an die Grenze seiner Überlebensfähigkeit , und dies sollte man verhindern. 

Die Bewertung einer forstwirtschaftlichen Maßnahme hängt immer von der Zielsetzung ab. Die erste Frage, die man sich hier stellen stellen muss : Was wollen wir mit unseren Wäldern hier erreichen, welche Funktionalitäten haben die Wälder. 

Zum Fällen markierte Bäume

Sind es zuerst Erholungswälder, sind es Grundwasserspeicher, sind es Rückzugsräume für unsere Biodiversität, sind es Kohlenstoffspeicher, oder ist es ein Wald, den wir vor allem als Rohstofflieferant betrachten ? 

Alle diese Funktionalitäten sind legitim, aber ich muss vor einer Maßnahme sagen , was ich denn bezwecke. 

Man kann solche Holzerntemaßnahmen aus sehr unterschiedlichen Gründen vollziehen. 

Naheliegend wäre zunächst mal die Gewinnung vom Rohstoff Holz oder das Erzielen von Erträgen . Beides ist nur sehr , sehr eingeschränkt möglich wegen der Hanglage hier , den eher dürftigen Qualitäten, die wir hier im Holz haben; 

und wegen der Sortimentierung , die hier möglich ist , wird man hier kaum einen Deckungsbeitrag erzielen können in Zusammenhang mit der Holzerntemaßnahme , das heißt , am Ende legt irgendjemand drauf , und der Irgendjemand ist dann der Steuerzahler . 

Waldbaulich, das wäre die nächste Motivation, erkenne ich hier keinen Grund , warum man diese Maßnahme so durchziehen könnte. 

Im Gegenteil , wir tun dem Altbestand nichts Gutes . 

Vor dem Hintergrund Klimawandel ist es so , dass wir hier den Waldbestand aufreißen , dass wir die Einstrahlungsverhältnisse, die Transpiration verändern , das Waldinnenklima schwer schädigen , das heißt , diese Maßnahme so, wie sie hier markiert ist , ist hochriskant. 

 Wir hatten jetzt drei Sommer mit extrem langen Dürrephasen, mit einem ganz großen Wasserdefizit , und es ist nicht auszuschließen , dass wir einen ähnlichen Sommer dieses Jahr erleben , in den nächsten Jahren immer wieder erleben, und auch wenn wir immer rein subjektiv das Gefühl haben , es hat ja jetzt gut geregnet in den letzten Wochen , stellt sich die Situation ganz anders dar: 

In 1,80 m Tiefe , dem Hauptwurzelhorizont der Bäume , ist nach wie vor eine extreme Dürre vorhanden. Wenn wir hier mit dem Spaten graben, werden wir sehr bald auf trockene Horizonte stoßen und genau in diesen Horizonten wurzeln diese Bäume .

Dieses Ausgangssubstrat -wir erkennen ja hier die Sandsteine- ist sehr klüftig, ist sehr humusarm , das heißt die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens ist herabgesetzt , und deswegen müssen wir alles tun , die Verdunstung hier in solchen Waldbeständen möglichst zu minimieren.

Es wird sehr häufig das Argument der Verkehrssicherheit zu Felde geführt .

Also im Wald geht man aus von einer herabgesetzten Verkehrssicherungspflicht . 

Die Gerichte -und hier gibt es ein höchstrichterliches Urteil – sprechen hier von waldtypischen Gefahren, die derjenige in Kauf zu nehmen hat , der dieses Ökosystem besucht – vergleichbar mit dem Spaziergang im Wattenmeer, wenn die Springflut kommt , habe ich mich selber diesem Risiko ausgesetzt. 

Von daher besteht eine Verkehrssicherungspflicht gegenüber öffentlichen Straßen, gegenüber Siedlungen und entlang von Waldparkplätzen . 

Für die Wege im Wald selber gilt diese Verkehrssicherungspflicht nicht . 

Aber die Verkehrssicherheit im Innern eines 

Waldbestandes kann kein Argument sein, es muss andere Gründe geben. Unsere Vermutung ist die , dass hier einem Schematismus gefolgt wird , weil man schon immer halt so das Holz aufgearbeitet hat und kein echtes Ziel dahinter liegt .

Also alle diese Zielsetzungen, die man vermuten könnte, sind hier kaum gegeben. 

Kranke Bäume habe ich hier nur sehr wenige gesehen. Was hier teilweise markiert wurde zum Fällen , das waren Kiefern , die bereits abgestorben waren , potentielle Biotopbäume, potentielle Spechtbäume, Lebensräume für Pilze, für Insekten , die zum Waldökosystem gehören, die wurden entnommen. 

Und was die Buche betrifft : Die Buche ist überwiegend vital , auch wenn sie in der Vergangenheit nicht immer gut behandelt wurde . Dass sie nicht gut behandelt wurde, erkennt man daran, dass dieser Bestand , wie er sich hier hinter mir darstellt , kaum Totholz auf dem Boden hat. Das heißt , man hat hier die gesamte Biomasse immer wieder komplett entnommen , und mit der Biomasse ist nicht nur das Brennholz aus dem Wald gekommen sondern die gebundenen Nährstoffe Kalium, Calcium , Magnesium Phosphor . Und dieses Ausgangssubstrat -diese Sandsteine sind von Natur aus eher nährstoffarm – , das heißt, wir müssen alles tun , diese Nährstoffe dann auch im Wald zu erhalten .Von daher hat man dem Wald schon in der Vergangenheit nicht sehr viel Gutes getan . 

Und auch die Maßnahmen, die wir auf dem Weg hierher sahen , zeugen davon, dass Brennholz entnommen wird und eben mit dem Brennholz das Startkapital für die nächste Waldgeneration verloren geht. 

Wir stehen hier auf einer Befahrungslinie, auf der das Holz in früheren Zeiten schon mit dem Traktor rausgezogen wurde, es sind sogenannte Rückegassen oder die Befahrungslinien, die eben entstehen bei einer Holzerntemaßnahme. Ziel muss es sein, diese Befahrung in den Wald möglichst gering zu halten , weil die Befahrung natürlich Boden verdichtet , das Porenvolumen des Bodens wird verkleinert , an den Randbäumen entstehen Wurzelabrisse , was wiederum den Wasserstress der Bäume erneut erhöht , und daher muss man bestrebt sein, diese Befahrung möglichst gering zu halten. 

Der dafür allgemeingültige Standard , der auch in unseren Zertifizierungssystemen zu finden ist , ist ein Abstand von 40 Metern bei einer Breite der Befahrungslinie von etwa 

3,50 mtr.. Diese Linien sollten natürlich dann über das gesamten Bestandesleben so 

bleiben , weil einmal befahren , heißt : Ich habe das Porenvolumen zerstört , das die letzten 9000 Jahre nach der Eiszeit, wo dann die Bodenbildungsprozesse eingesetzt haben, das habe ich dann verloren, deswegen gilt der Grundsatz : So wenig wie möglich. 

geplante Rückegasse
Buchen, Markierung Rückegasse, Unterer Jagdhausweg

Und hier ist eine alte Linie , erkennt man recht gut , man kann 200 mtr. weit in den Waldbestand reinschauen . Diese Linie wird aber gar nicht genutzt , sondern man hat sie mal 10 mtr. parallel versetzt . Da hinten sind die Markierungen , nämlich die Doppelbalken an den Bäumen , (da) hat man 

eine neue Befahrungslinie eingelegt, das heißt , wenn ich ursprünglich von 15% Befahrungen ausgehe bei der genannten Breite 3, 50 mtr. , im Abstand 40 m parallel versetzt neue Trassen anlege , dann erhöhe ich die Befahrungsprozente , und statt 15% habe ich dann 30% Befahrung , und das ist natürlich, was das Waldökosystem betrifft , sehr ungut und schädigt natürlich das Porenvolumen und schädigt die Widerstandsfähigkeit, die Resilienz dieses Waldbestandes gegen die Folgen des Klimawandels. 

Wir haben jetzt sehr, sehr plötzliche Veränderungen der Herausforderungen, und da ist einfach die Situation , dass sehr viele Berufskollegen einfach überfordert sind mit dem schnellen Wandel. 

Wir hatten jetzt die drei Dürresommer, die landschaftsverändernd waren .Wer durch Deutschland durchfährt mit Bahn oder auf der Autobahn , erkennt , wie sehr sich unsere Waldökosysteme , aber nicht nur die Systeme selber sondern auch außen herum alles verändert hat : Flüsse trocknen aus , Moore fallen trocken, wir haben eine Massenvermehrung von Borkenkäfern, (Sekundär-Insekt) , der die Fichtenbestände zum Absterben bringt , und es ist einfach ein Stück weit Verzweiflung, dass man sagt , wir halten an Gewohntem fest, ohne zu akzeptieren , dass sich die Umfeldbedingungen radikal geändert haben. Und ich denke , wenn sich die Umfeldbedingungen , das heißt die Standortfaktoren für das Waldwachstum so radikal verändert haben, müssen wir unsere Verhaltensmuster , unsere Behandlung des Waldes genauso radikal anpassen, ansonsten verschwindet der Wald. 

Holzpolter zum Verkauf?
Polter 1.Einschlag, Talweg (Winterseite)

Geplante online-Veranstaltung über die Baumfällungen im Mühltal

Da es Pandemie bedingt in den nächsten Wochen nicht möglich sein wird, eine Begehung des Mühltal durchzuführen, plant das Aktionsbündnis einen online-Vortrag. In diesem Vortrag wird noch einmal die Bedeutung des Waldes in der Klimakrise hervorgehoben. Das traditionelle forstwirtschaftliche Konzept bietet hierzu keine Lösung sondern ist eher kontraproduktiv. Der Erhalt und die Pflege unserer Wälder sind eine natürliche Lösung zur Klimakrise. Bäume binden Kohlendioxid nachhaltig bis zum ihrem natürlichen Untergang nach hunderten von Jahren. Entscheidend ist die absolute Menge gebundenen Kohlendioxids (CO2):

Flyer des Aktionsbündnisses zum Mühltal

Das Aktionsbündnis hat eine Kurzinformation in Form eines faltbaren Flyers entworfen. Sie können  ihn hier kopieren und ausdrucken. Demnächst wird er auch in gedruckter Form vorliegen und an Interessierte verteilt werden:

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Hier können Sie den 1. Mühltalrundbrief als pdf zum Ausdrucken herunterladen.

2 Kommentare

  1. Falls die Baumfällungen tatsächlich wie geplant im Herbst durchgeführt werden, dann schlage ich für den Herbst nach der Fällung eine öffentliche Aktion vor:
    Tag 1: Öffentliches Käschte- und Bucheckern-Sammeln
    Tag 2: Die gesammelten  Käschte- und Bucheckern in den Fällungsgebieten in die Erde einsetzen. 

    Dieses kleine Dankeschön an den Wald zelebriere ich immer, wenn ich als Holz-Heizer Bäume (es sind in der Regel vom Sturm gefallene oder vom Pilz zernagte Bäume) aus dem Wald entnehme 🙂

  2. Käschte- und Bucheckern gibt es aber nur reichlich, wenn dieses Jahr wieder ein Mastjahr wird, so wie 2020!
    Wo darf denn noch im Stadtgebiet mit Holz geheizt werden? Soviel ich weiss, ist das nur im neuen Holz-Heizkraftwerk im Pfaffengrund erlaubt.

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